Rede von Bürgermeister Dr. Alexander Legler anlässlich der Gedenkstunde zur Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz vor 75 Jahren
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu unserer heutigen Gedenkstunde aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee.
Ich freue mich, dass Sie so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind. Es ist für uns alle unverzichtbar, das Gedenken an die Opfer des Holocaust und das Erinnern an den unfassbaren Wahnsinn der damaligen Zeit auf immer wachzuhalten.
Und es ist uns allen, auch mir persönlich, Selbstverpflichtung und Auftrag, unser Gedenken und das Erinnern in die Zukunft zu tragen, gegen das Vergessen und für das NIE WIEDER.
In eine Zukunft, die den sechs Millionen Opfern des Holocaust verwehrt geblieben ist, eine Zukunft, die ihnen von den Nazi-Schergen auf niemals in Worte fassbare Weise genommen haben. Auch in Auschwitz, das Vernichtungslager, der Name Auschwitz, der weltweit als der „Inbegriff des Holocaust“ gilt.
Mein besonderer Gruß heute Abend gilt unserer Freundin Simone Hofmann, auch in Vertretung all unserer Freundinnen und Freunde der B´nai B´rith Frankfurt Schönstädt Loge e. V., mit der nicht nur ich ganz wunderbare Erlebnisse und Erfahrungen verbinde, die stets von großer Wertschätzung und Sympathie gegenüber unserer Stadt und mir begleitet sind.
Meine und unser aller große Wertschätzung gilt auch unseren Freunden Rabbiner Andrew Steiman und Kantor Benjamin Maroko, die ich Euch ebenfalls herzlich begrüße.
Mit auch Eurer regelmäßigen Anwesenheit und Mitgestaltung unserer Gedenkstunden unterstreicht Ihr immer auch eines, so auch heute Abend:
die große Würdigung und Anerkennung unserer Form des Gedenkens, was ich wiederum als große Wertschätzung für unsere Stadt empfinde und als besonderes Zeichen, dass Freundschaft auch trotz unserer dunklen Vergangenheit mit all denen gelingen kann, die ausgehend von Nazi-Deutschland und seinen brutalen Schergen unermessliches Leid erfahren haben und noch immer darunter leiden und auf immer darunter leiden werden. Eine Freundschaft, die seinerzeit begründet worden ist von Ben Gurion und Konrad Adenauer.
Und in meine Freude über diese Freundschaft schließe ich ausdrücklich mit ein die Anwesenheit von Dir, liebe Simone und von Ihnen, liebe Shai Terry, die Sie den Abend musikalisch mitgestalten werden, und ich Sie auch deswegen besonders herzlich bei uns willkommen heiße.
Ebenso Sie alle, liebe Mitglieder des Süddeutschen Kammerchores, die Sie uns heute Abend mit auf eine musikalische Reise der ganz besonderen Art und diesem ganz besonderen Anlass entsprechend mitnehmen werden unter der Leitung von Gerhard Jenemann, dem ich Dir, lieber Gerhard bereits an dieser Stelle für Deine sofortige Zusage für heute Abend und Dein erneut großes Engagement danke und heiße ich auch Dich herzlich willkommen!
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
dass Freundschaft und Versöhnung zwischen Deutschland und Israel, vor allem mit jüdischem Leben weltweit, zu dem wir uns auch heute Abend wieder bekennen, erfolgreich gelingen kann, zeigt ein Beispiel dieser Tage, das einst unvorstellbar gewesen wäre, nämlich:
dass ein Israelischer Staatspräsident zu einem Deutschen Bundespräsident in dessen Dienstflugzeug der Deutschen Luftwaffe steigt, so wie es am Abend des 27. Januar geschehen ist, als der Israelische Staatspräsident Reuven Rivlin, den ich selbst habe vor fünf Jahre treffen dürfen, mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in dessen Flugzeug steigt, um gemeinsam von Auschwitz nach Berlin zu fliegen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Auschwitz. „Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und anderen Verfolgten.“ (Darunter politisch Verfolgte, Homosexuelle, Kranke und Behinderte). „Auschwitz ist Ausdruck des Rassenwahns und das Kainsmal der deutschen Geschichte.“
Mit dieser Beschreibung von Auschwitz, das weltweit wie kein anderes Konzentrationslager für die unfassbare Vernichtungsmaschinerie der Nazis steht, beginnt ein Beitrag der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg zur Befreiung von Auschwitz.
Der damit verbundene Jahrestag „wurde 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.“ Und: „Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Januar im Jahr 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts.“
Wir alle sind heute hier zusammengekommen, um an den 75. Jahrestag der Befreiung der Gefangenen im Vernichtungslager Auschwitz zu erinnern und auf diese Weise aller Opfer des Holocaust und des Nazi-Regimes zu gedenken, im Besonderen auch an unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die von den Nazis in der Zeit von 1933 bis 1945 auch bei uns verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Sieben von ihnen wurden in Auschwitz ermordet. Ich werde sie noch namentlich nennen.
Für jede und jeden Einzelnen von ihnen werden wir nachher eine Kerze entzünden. Auch für unseren wohl bekanntesten ehemaligen jüdischen Mitbürger: den ehemaligen Lehrer und engagierten Akteur im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt, Benzion Wechsler, der 1943 in Sobibor ermordet wurde. Seine Frau und Tochter Else kamen vom 1942 Lager Westerbork in die Hölle von Auschwitz, wo auch sie ermordet wurden. Zuvor, 1939, waren Sofie und Benzion Wechsler zu ihrer Tochter nach Amsterdam emigriert, von wo aus Mutter und Tochter deportiert wurden.
An Sie alle erinnern 8 rote Rosen im Kranz unserer Stadt, den wir an der Gedenkstele für unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger niederlegen werden.
Und die 215 Namen, die wir hier lesen können, stehen für 215 Schicksale, darunter das der eben Genannten, und das unserer anderen ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, an die wir heute auch erinnern und ihrer gedenken wollen. Für sie findet sich eine weitere, die 9. Rose in diesem Kranz und eine weitere Kerze im Raum. 215 Namen, von denen wir wissen, dass sie einst aktiver Teil unserer Stadtgesellschaft gewesen sind, und in der Zeit von 1933 bis 1945 verfolgt, deportiert und ermordet wurden.
Und in unser Gedenken schließen wir mit ein alle sechs Millionen Opfer des Holocaust, für die wir gemeinsam – Rabbiner Andrew Steimann und ich - sogleich diese große Kerze entzünden werden und sie alle auf diese Weise – ebenso neun weitere Kerzen – zumindest für den Augenblick wieder in die Mitte des Lebens, in die Mitte unserer Gesellschaft zurück holen wollen.
Wir wollen Ihnen damit Ihre Würde und Persönlichkeit zurückgeben wollen. Die seinerzeit „Entwürdigten wieder ins Recht setzen“, wie es einst Bundespräsident Roman Herzog formuliert hatte.
Wir geben ihnen ihre Persönlichkeit und ihre Heimat zurück, die ihnen einst durch die Nazi-Schergen auf so grausame und unfassbare Weise geraubt worden ist.
Wir zeigen uns solidarisch mit jüdischen Leben in unserem Land und überall auf der Welt und wir bekennen uns zu unserer dauerhaften Verantwortung zur Mahnung und zum Gedenken.
Und zugleich verneigen wir uns damit vor allen Opfern der Shoah, und damit auch vor allen in Auschwitz Ermordeten.
„Auschwitz ist zum Synonym für millionenfachen Mord geworden, für Folter und Menschenversuche, für eine bis ins letzte geplante Vernichtungsmaschinerie - für Unmenschlichkeit schlechthin. Die industrielle Tötung von Millionen von Menschen, die nach den Regeln der Bürokratie zweckrational und routinemäßig vollzogen wurde, ist eine unfassbare Perversion.“
„1 bis 1,5 Millionen Menschen wurden in Auschwitz ermordet, darunter 90 Prozent Juden. 232.000 Kinder wurden nach Auschwitz deportiert. Zu Auschwitz gehörten mehr als 40 Außenlager, in denen Gefangene Zwangsarbeit leisten mussten.“ (UnitdinMemory75, Credit: Ham Zach/GPO)
Auschwitz: „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis über anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas.“, lautet der Text am Denkmal im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das 1967 auf Initiative des Internationalen Auschwitz Komitees errichtet wurde.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wie konnte all das geschehen? „Im Sommer 1941 beschloss die NS-Führung die Ermordung aller im deutschen Machtbereich lebender Juden. Hunderttausende Juden aus fast ganz Europa wurden nun in die Ghettos im Osten deportiert. Die systematische Deportation der deutschen Juden begann im Oktober 1941, die ersten von ihnen starben am 25. November 1941 bei Massenerschießungen im litauischen Kaunas.“
„Am 18. Dezember 1941 beriet Hitler in seinem Hauptquartier Wolfsschanze" in Ostpreußen mit Himmler über das Schicksal der Juden. Kryptisch notierte der Reichsführer-SS dazu in seinen Dienstkalender: Judenfrage - als Partisanen auszurotten.
Die letzte Phase der NS-Judenpolitik war nunmehr ausschließlich auf dieErmordung der Juden ausgerichtet. Der Völkermord an den Juden, aber auch an Sinti und Roma, hatte bereits begonnen, als Heydrich am 20. Januar 1942 auf der "Wannsee-Konferenz" mit Staatssekretären und hohen Funktionären des NS-Staats die verwaltungsmäßige Umsetzung und technisch-organisatorische Details der "Endlösung der Judenfrage" besprach. Nun setzte das NS-Regime alle Mittel ein, um den Völkermord europaweit zu koordinieren und systematisch durchzuführen.
Zentrum der NS-Vernichtungspolitik war das 1940 errichtete Konzentrationslager (KZ) Auschwitz, wo die SS auf Anweisung des Lagerkommandanten Rudolf Höß bereits im September 1941 das Giftgas Zyklon B an sowjetischen Kriegsgefangenen "erprobt" hatte. Seit Anfang 1942 fuhren die Deportationszüge aus fast ganz Europa in das größte Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.
Es bestand aus dem Stammlager, dem drei Kilometer entfernten Lager Birkenau, in dem sich die Gaskammern und Verbrennungsöfen befanden, und 45 Zwangsarbeitslagern bei Fabriken in der Umgebung. In dem Gebiet wurden bis zu 155.000 Menschen zusammengepfercht.
Ende 1941 hatte in Auschwitz die Massenvernichtung begonnen. In Birkenau wurden seit Juni 1942 Deportierte aus ganz Europa an der Rampe "selektiert", also entweder sofort in die Gaskammern oder in die Zwangsarbeit geschickt. Umso zynischer ist daher der Spruch am Eingangstor: Arbeit macht frei. Wer nicht sofort vergast wurde, starb meist während der unmenschlichen Zwangsarbeit.
Kinder, Alte und andere als nicht arbeitsfähig geltende Häftlinge wurden in der Regel noch am Tag ihrer Ankunft in den als Duschräume getarnten Gaskammern von Birkenau ermordet. Ein Sonderkommando von Häftlingen musste die Leichen in den Krematorien oder auf freier Fläche verbrennen. In den kommenden Jahren steigerten sich die Transporte bis zu deren Höhepunkt im Jahre 1944 mit 600.000 Juden, von denen 500.000 direkt in den Gaskammern ermordet wurden.
Tod durch Arbeit, durch Kälte oder durch Erschießen - all diese Vernichtungsmethoden wurden den Vollstreckern zu mühsam. Deshalb kam es am 5. und 6. September 1941 zu einem makabren Test: Zum ersten Mal wandte die SS an jenem Tag das Blausäurepräparat "Zyklon B" an Menschen an. "Erfolgreich", wie Lagerkommandant Rudolf Höß zufrieden feststellte und später bemerkte:
Ich muss offen sagen: Auf mich wirkte die Vergasung beruhigend, da ja in absehbarer Zeit mit der Vernichtung der Juden begonnen werden musste. Mir graute immer vor den Erschießungen. Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten.
Nur 15 bis 20 Prozent eines jeden Transports wurden für Zwangsarbeiten am Leben gelassen. Wer am Leben blieb, musste Zwangsarbeit leisten.
Die Lebenserwartung der Arbeiter betrug im Schnitt drei Monate. Ruinöse Lebensbedingungen auf dem Lagergelände - wie die qualvolle Enge in den zumeist feuchten Baracken - sorgten dafür, dass unter den zum Leben verurteilten Häftlingen Krankheiten und Epidemien grassierten. Hinzu kamen der anhaltende Wassermangel und die dürftigen Essensrationen von 1.300 Kalorien für "leicht" arbeitende und rund 1.700 Kalorien für "schwer" arbeitende Häftlinge. Die Arbeitszeit betrug 11 bis 15 Stunden.
Tausende Menschen kamen in Auschwitz neben der systematischen Ermordung auch durch medizinische Versuche um, wofür besonders der leitende Lagerarzt des „Zigeunerlagers“ Josef Mengele verantwortlich war.
Insgesamt wurden in Auschwitz von Anfang 1942 bis Ende 1944 schätzungsweise über eine Million Menschen umgebracht, darunter hauptsächlich Juden sowie viele tausend Sinti, Roma, Polen und Kriegsgefangene, grausam und fabrikmäßig vernichtet durch Arbeit, Hunger, Menschenversuche und vor allem durch das Giftgas Zyklon B. Die zur sofortigen Ermordung bestimmten Häftlinge wurden nicht registriert, was genaue Angaben über die Opferzahlen bis heute schwierig macht.
Die letzte dokumentierte Vergasung fand am 1. November 1944 statt. Die Krematorien und die Gaskammern im Lager Auschwitz II wurden ab Oktober 1944 auf Befehl Heinrich Himmlers zerstört - die letzte erst kurz vor dem Einmarsch sowjetischer Truppen. Am 17. Januar 1945 kamen ein letztes Mal neue Häftlinge in Auschwitz an. Am folgenden Tag begann die Evakuierung des Lagers.
In den so genannten Todesmärschenin Richtung Westen wurden 58.000 Gefangene aus dem Lager getrieben. Am 18. Januar 1945 begann die Evakuierung der Lager. Die Häftlinge aus dem Stammlager, Birkenau, Monowitz und zahlreichen Nebenlagern wurden in Marschkolonnen nach Westen geführt. Viele Männer, Frauen und Kinder starben an Entkräftung und Erfrierungen. Eine weitaus größere Zahl wurde jedoch von den eskortierenden SS-Wachposten ermordet, die alle Zurückbleibenden erschossen.
Die Menschen, die den Todesmarsch überlebten, erreichten zwischen dem 19. und 23. Januar Gleiwitz und Loslau, wo sie in Eisenbahnwaggons gepfercht und zu Konzentrationslagern im Inneren des Reichsgebiets transportiert wurden. Während der Transporte starben Hunderte von Menschen an Erschöpfung, Durst, Hunger oder infolge der Kälte.
In der Nacht vor dem 27. Januar 1945 sprengten die SS-Truppen das letzte Großkrematorium in Auschwitz-Birkenau.
Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz durch die 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Alexejewitsch Kurotschkin befreit.
Die Rote Armee fand in dem evakuierten Komplex noch 7.600 Überlebende und 650 Leichen vor. In den Magazinen fanden die Befreier 843.000 Herrenanzüge, 837.000 Damenmäntel und -kleider, 44.000 Paar Schuhe, 14.000 Teppiche und 7,7 Tonnen menschliches Haar.“
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir alle sind immer wieder aufgerufen an dieses soeben nur in wenigen Auszügen geschilderte Leid zu erinnern, und damit wachzurütteln und das Geschehene, diese nicht in Worte fassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit wachzuhalten, uns gegenüber und insbesondere auch gegenüber der jungen Generation als Mahnung, dass sich Derartiges niemals mehr wiederholt. Das ist unser Auftrag, das ist unsere Verantwortung.
Dass es sich wiederholen kann, belegt bereits die Tatsache, dass es geschehen ist, die zugleich zeigt, zu welchen unfassbaren Gräuel Menschen fähig waren und damit fähig sind, ja fähig bleiben.
Und der Holocaust-Überlebende Primo Levi hat es dereinst wie folgt formuliert: „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen.“
Und ich möchte an dieser Stelle erneut wie schon im November Max Mannheimer aufgreifen der auch angesichts dessen an uns und unsere Nachkommen appelliert:
„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“
Und diesbezüglich möchte ich aus einem Redebeitrag eines Überlebenden von Ausschwitz bei der zentralen Gedenkstunde in Ausschwitz zitieren, einen Satz, ja vielmehr seine Aufforderung, sein Appell an uns und unsere Nachkommen, der sich mir eingeprägt hat.
Er nahm Bezug auf die Zehn Gebote Gottes und appelliert an die Welt, an uns alle, dass diese um ein elftes Gebot ergänzt werden müssten:
„Seid nicht gleichgültig!“
Wir alle, meine sehr geehrten Damen, sind nicht gleichgültig. Wir alle, die wir immer wieder in unserer Stadt erinnern und gedenken. Und alle, die uns überall auf der Welt gleichtun. Und alle, die auch in anderer Form immer wieder aufstehen und auf diese Weise eindeutige Zeichen setzen für das NIE WIEDER gegen das Vergessen gegen Antisemitismus und Rassismus gegen jegliche Form von Extremismus. Auch dafür stehen wir ein hier vor Ort. In unserer Stadt. Und setzen zugleich ein Zeichen gegen Hass, Gewalt und Intoleranz.
Und wir setzen auch heute wieder Zeichen für die Achtung der Würde des Menschen, die vielfach auf der Welt noch immer mit Füßen getreten wird, für Weltoffenheit, Toleranz und ein friedliches Miteinander. Werte, die unsere Stadt und das Zusammenleben bei uns maßgeblich mit auszeichnen.
Wir stehen zu unserer Verantwortung an die Erinnerung an das Geschehene. Denn nur durch das Erinnern an unsere Geschichte, halten wir Schrecken der damaligen Zeit lebendig als Abschreckung für die Zukunft und Verantwortung für uns, die Jugend und alle nachfolgenden Generationen.
Und in Anbetracht des mehr und mehr und aus ganz unterschiedlichen Richtungen an den Tag gelegten Antisemitismus, der mehr und mehr offen und ungeniert auch in unserem Land gezeigt wird, der mit Angriffen, Anschlägen und Terror gegenüber jüdischen Mitbürger mit Bürgern und jüdischen Einrichtungen verbunden ist, umso mehr sind wir alle gefragt immer wieder Haltung zu zeigen und uns hiergegen aufzulehnen sowie gegen jegliche Form an menschenverachtenden Gedankengut.
Bundespräsident Steinmeier hat anlässlich seiner Rede in der Gedenkstätte in Yad Vashem am 23. Januar hierzu folgendes ausgeführt:
„Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit. Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt.
Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. (….)
Natürlich: Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit. Es sind nicht dieselben Worte. Es sind nicht dieselben Täter.
Aber es ist dasselbe Böse.
Und es bleibt die eine Antwort: Nie wieder! Niemals wieder!
Deshalb darf es keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben.
Diese Verantwortung ist der Bundesrepublik Deutschland vom ersten Tage eingeschrieben.
Aber sie prüft uns – hier und heute!
Dieses Deutschland wird sich selbst nur dann gerecht, wenn es seiner historischen Verantwortung gerecht wird:
Wir bekämpfen den Antisemitismus!
Wir trotzen dem Gift des Nationalismus!
Wir schützen jüdisches Leben!
Wir stehen an der Seite Israels!
Dieses Versprechen erneuere ich hier in Yad Vashem vor den Augen der Welt.
Und ich weiß, ich bin nicht allein. Hier in Yad Vashem sagen wir heute gemeinsam: Nein zu Judenhass! Nein zu Menschenhass!“
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
„Nein zu Judenhass! Nein zu Menschenhass!“ - Alleine die Vorstellung von dem, was den Menschen seinerzeit angetan worden ist, lassen einem die Tränen in die Augen treiben. Jeder von uns, und das soll nur ein Beispiel sein, der Kinder und Enkel hat, möchte sich nicht im Ansatz ausmalen müssen, was es heißt, von jetzt auf gleich von seinen Kindern getrennt zu werden und sie nie wieder zu sehen, nicht zu wissen, was mit ihnen geschieht.
Und ich habe hier ein Brot, meine sehr geehrten Damen und Herren, Brot das jedenfalls für uns selbstverständlich ist. Hunger leiden müssen wir nicht. In den Konzentrationslagern der Nazis mussten die Menschen neben unfassbarer Gewalt und Erniedrigung auch unfassbaren Hunger erleiden.
Mir ist diesbezüglich gegenwärtig ein Film, der am 27. Januar im ZDF ausgestrahlt worden ist mit dem Titel „Die Kinder von Windermere“. „Er handelt nach einer wahren Geschichte, nach der über 300 Kinder, die den Holocaust überlebt hatten, im Jahr 1945 nach England gebracht werden. Hier wird ihnen eine Hoffnung auf ein neues Leben gegeben. Sie wurden eingeladen, um dort eine unbeschwerte Zeit zu verbringen und nach und nach wieder ins Leben zurück zu finden.“
Bei der ersten Mahlzeit im Speisesaal, es stand zunächst Brot auf dem Tisch, machten sich die Kinder von jetzt auf gleich über das Brot her, als gäbe es kein Morgen, sie sind in ihre Zimmer gerannt, haben das Brot in sich hineingeschlungen, und das andere Brot zunächst versteckt aus Angst, dass es ihn wieder genommen werden könnte.
Und nicht nur diese Bilder, diese Wiedergabe an Tatsachen sind Auftrag an uns, weiterhin im Großen wie im Kleinen immer wieder einen Beitrag zu leisten zur Völkerverständigung und Freundschaft auf der Welt, und vor dem Hintergrund unserer Geschichte, gerade auch mit Israel.
Ich jedenfalls werde nicht nachlassen, in meinem Bestreben auch nach einer Partnerschaft mit einer israelischen Kommune. Es gilt immer wieder, die uns – Zitat Bundespräsident Steinmeier: „ausgestreckte Hand der Überlebenden anzunehmen“, wofür er sich zu Recht dankbar äußerte und diesbezüglich weiter ausgeführt hatte, auch dankbar zu sein, Zitat: „für das neue Vertrauen von Menschen in Israel und der ganzen Welt, für das wieder erblühte jüdische Leben in Deutschland. Ich bin beseelt vom Geist der Versöhnung, der Deutschland und Israel, der Deutschland, Europa und den Staaten der Welt einen neuen, einen friedlichen Weg gewiesen hat.“
Und diesen Weg wollen wir auch bei uns weiter entschlossen, erfolgreich und mit Freude gehen. Dafür stehe ich ein. Und dass Versöhnung und Aussöhnung gelingen kann und gelungen ist, zeigen uns nicht nur unsere heutigen Ehrengäste, sondern immer wieder auch die Besuche von Nachfahren ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserer Stadt, zuletzt am 31. Dezember, als eine Frau mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern eigens aus den USA angereist war, um sich auf die Spuren ihrer Großmutter zu begeben, die einst in Alzenau beheimatet gewesen ist, Meta Schafheimer
Wir haben auch dank der Unterstützung von Walter Scharwies und Oded Zingher, den ich herzlich begrüße, weiterhelfen können. Und als sie das Bild ihrer Großmutter sah, die dort versammelt war in einer Gruppe junger Menschen in unbeschwerter Atmosphäre, begann sie zu weinen. Ein für uns alle mehr als bewegender Moment, der sich auch in meinem Herzen fest eingebrannt hat.
Und mich nur ein weiteres Mal bestärkt hat in meiner Haltung und unserem Weg gegen Judenhass und Rassismus, gegen Hass und Gewalt. Und diesen Weg gehen wir auch heute wieder gemeinsam ein gutes Stück weiter.
Lieber Andrew, der auch Du uns auf diesem Weg bislang schon begleitet hast, Dich darf ich im Anschluss nach vorne bitten, bevor wir die Kerzen gemeinsam entzünden und anschließend mit Dir und Benjamin beten wollen für die Opfer des Holocaust.
Und daran anschließend werden wir den weiteren Abend, der vor allem durch die Musik und den Gesang sowie durch besondere Texte geprägt sein soll, übergeben in die Hände von Gerhard Jenemann, Simone Hofmann und die wunderbaren Stimmen der hier anwesenden Sängerinnen und Sänger.
