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Rede von Bürgermeister Stephan Noll zum Volkstrauertag 2025

„Ein Gedicht über den Krieg schreiben, wenn man nur Frieden kennt“ von Janina Bodendörfer

ich kenne keinen krieg
ich kenne nur geschichtsbuchkapitel
mit schaubildern und einem spannenden titel,
mit fakten und daten und zahlen und quoten:
1. Weltkrieg, 1914–18, mit 17 Millionen –
2. Weltkrieg, 1939–45, mit 80 Millionen Toten.

ich kenne keinen krieg
ich kenne nur literaturmeisterwerke
wohlklingende Worte von schönheit & stärke
von brecht und schiller, die sie uns hinterließen:
wir waren 18 jahre und liebten die welt und das dasein,
aber wir mussten darauf schießen.

ich kenne keinen krieg
ich kenne nur abendessen anekdoten
am tisch ist schwerwiegendes schweigen geboten
wenn opa uns wieder von damals erzählt:
wir hatten hunger und hatten kein geld.
wir stahl‘n g‘frorne kartoffeln vom feld.

ich kenne keinen krieg
ich kenne nur nachrichtenbilder
explosionen in städten und weinende kinder,
daneben der sprecher, der sachlich erklärt:
vor kurzem haben die russischen truppen
ihre angriffe verstärkt.

ich kenne keinen krieg
ich kenne nur frieden
ich musste nie fliehen, bin immer geblieben.
ich hatte nie hunger, bin immer schon satt.
ich musste nie schießen, weil man‘s mir befohlen hat.
ich kann seine schrecken nur benennen,

doch andere müssen den krieg durchleben.
ich wünschte, ich wär‘ nicht so machtlos dagegen.
ich wünschte, ein jeder würd‘ ihn wie
ich nur noch vom hörensagen kennen.

Gedenkrede

Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, das in der Gewaltgeschichte dieser Welt wohl größte Unglück für die Menschheit. Die Dimension und die Folgen des Zweiten Weltkrieges sind ungeheuerlich: Über 65 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen Zivilisten, verloren ihr Leben durch kriegerische Handlungen, durch Massenmord im Rahmen von Massakern und des KZ-Systems, im Feuersturm der Bombenangriffe, auf der Flucht, in Kriegsgefangenschaft, im Zuge der Vertreibung und Deportation. Etwa 6,3 Millionen Deutsche starben. Keine Familie blieb von den Auswirkungen des Krieges verschont, auch hier in Alzenau nicht.

Die Zahlen sind so groß, dass man sie kaum greifen kann: Der Zweite Weltkrieg dauerte sechs Jahre und zwei Tage. 2.194 Tage bzw. 52.656 Stunden. In jeder Stunde verloren durchschnittlich 1.234, in jeder Minute 21 Menschen gewaltsam ihr Leben.

Am 8. Mai 2025 endete in Europa der Zweite Weltkrieg und dieser Tag ist als „Tag der Befreiung“ zu werten. Doch der 8. Mai bedeutete für viele Deutsche aber auch den Beginn einer ungewissen und leidvollen Zukunft – den Weg in die Kriegsgefangenschaft, die je nachdem, wo man war, viele Jahre unter menschenverachtenden Bedingungen andauern konnte und für Hunderttausende den Tod bedeutete, oder aber die Flucht und Vertreibung aus der Heimat. Nach Bayern kamen fast zwei Millionen Vertriebene. Hier wurden die Sudetendeutschen zum sog. „vierten Stamm“ neben Altbayern, Franken und Schwaben.

Es bietet sich heutzutage vielleicht eine der letzten Gelegenheiten, gemeinsam mit jenen zu gedenken, die den Mai 1945 noch selbst erlebt haben. Diese Möglichkeit dürfen wir nicht verstreichen lassen. Erinnerung ist per se ein nicht enden wollender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Jedoch verstummt die Kriegs- und Erlebnisgeneration zusehends. Die kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, die NS-Gewaltherrschaft und die Nachkriegszeit verblasst mit jeder sterbenden Zeitzeugin, mit jedem sterbenden Zeitzeugen mehr. 80 Jahre, mehr als ein Menschenalter nach den Ereignissen, wird eine maximale Haltbarkeit von Erinnerung spürbar.

Was wir jedoch auch spüren: Die Welt hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Wir erleben Veränderungen und Herausforderungen historischen Ausmaßes – geopolitisch, ökologisch, digital und im Inneren unserer Gesellschaft. Wir sind Zeuge des Erstarkens extremistischer Kräfte. Wir sind mit neuen Bedrohungsszenarien und der Gefahr weiterer Eskalation konfrontiert. Der Frieden als eines unserer wertvollsten Güter ist noch ein Stück weiter von uns weggerückt.

Wir erleben Spannungen, die wir uns vor einiger Zeit noch nicht hätten vorstellen können. Diese Unsicherheit pflanzt sich fort in unserer Gesellschaft. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme erzeugen Frustration und verleiten dazu, nicht nach Lösungen und Kompromissen zu suchen, sondern anderen die Schuld dafür zu geben.

Doch wenn sich jeder nur auf sich und seine Interessengruppe beschränkt, dann gewinnen die Feinde der Demokratie.

Wir alle brauchen einander und wir brauchen ein Miteinander. Freiheit gelingt nur, wenn sie nicht rücksichtslos ist, sondern im Bewusstsein unserer Verantwortung füreinander gelebt wird.

Etwas Gutes tun, ohne gleich dafür einen Lohn zu erwarten: Das ist der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Viele Menschen haben diesen Gemeinsinn glücklicherweise noch nicht vergessen. Sie engagieren sich ehrenamtlich in den über 180 Vereinen und Initiativen in unserer Stadt, sie dienen für das Gemeinwohl, sie helfen karitativ und sind Förderer sozialer, humanitärer oder kultureller Aufgaben.

Wenn wir uns heute an Krieg und Gewaltherrschaft früherer Tage erinnern, erkennen wir, wie wichtig Demokratie, Verständigung und das Miteinander für den Frieden sind.

„Demokratien führen keine Kriege gegeneinander, Extremisten waren immer ein Unglück für Deutschland und die Welt. Das Engagement für die freiheitliche Demokratie und die Menschenrechte aller ist deshalb auch Dienst für den Frieden.“, so unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seinem Grußwort zum heutigen Volkstrauertag.

Der Zweite Weltkrieg, sein Beginn und sein Ende, ist zugleich eine eindringliche Mahnung, dass Demokratien wehrhaft und solidarisch sein müssen, um sich gegen aggressive Mächte zu behaupten.

Geschichte wiederholt sich nicht und Erinnerung ist eben keine Schablone. Doch Geschichte kann ein Kompass sein, der existenziell für unsere Selbstvergewisserung ist und immer in Richtung Demokratie und Freiheit weist.

Gute Erinnerungsarbeit beugt zugleich dem Missbrauch der Geschichte vor, ihrer Fälschung und Umdeutung. Frieden braucht Wissen und Wahrhaftigkeit. Was sich nicht wiederholen soll, darf nicht vergessen werden. Nur wenn wir uns erinnern, aufrichtig und ehrlich, können wir künftige Generationen vor den Schrecken von Krieg und Gewalt schützen.

„Frieden ist mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg“. Krieg und Frieden sind keine festen Aggregatszustände der Geschichte. Die Übergänge sind fließend. Kriege warten nicht darauf, dass sie erklärt oder so genannt werden. Und der Frieden ist nicht da, wenn er ausgerufen wird. Wahrer Friede bedarf der Verständigung und der Versöhnung, des gegenseitigen Respekts und gemeinsamen Lösungen. Ein echter, ein ernster Frieden ist einer, der befriedet.

Präsident des Volkbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge Wolfgang Schneiderhahn hat Recht, wenn er sagt „Kriegsgräber und Orte des Gedenkens sind keine toten Monumente, sondern lebendige Orte des Erinnerns. Hier lernen wir: Freiheit fußt auf Verantwortung und dauerhaften Frieden gibt es nur in Freiheit.“

Die Toten mahnen uns, Sorge dafür zu tragen, dass wir, dass unsere Kinder und Enkel die Schrecken von Krieg und Totalitarismus nicht werden erleiden müssen. Sie geben uns am heutigen Volkstrauertag einen eindeutigen Auftrag: Nie wieder Krieg. Gemeinsam für den Frieden!

Totengedenken

Das Sprechen des Totengedenkens durch den Bundespräsidenten wurde 1952 von Theodor Heuss eingeführt. Der Text wurde im Laufe der Zeit mehrfach angepasst. Zuletzt änderte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2025 den Text, um explizit an diejenigen zu erinnern, die wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und getötet wurden. Außerdem werden in das Totengedenken Polizistinnen und Polizisten mit aufgenommen, die im Einsatz für unser Land ihr Leben verloren. 2025 wird diese Fassung erstmals beim Volkstrauertag übernommen.

Es gilt das gesprochene Wort.