Rede von Bürgermeister Stephan Noll zur Gedenkfeier für unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wehrte Ehrenbürger, liebe Mitglieder des Alzenauer Stadtrates, sehr geehrter Herr Landrat, sehr geehrte Geistlichkeit, werte Ehrgengäste und Gäste aus Nah und Fern, liebe Besucherinnen und Besucher der heutigen Gedenkfeier,
wir sind heute hier am Bella-und-Israel-Wahler-Platz versammelt, um an jüdisches Leben in Alzenau zu erinnern – an seine Geschichte, an seine Kultur, an all jene Menschen, die unsere Stadt mitgeprägt haben.
Wir gedenken der 215 ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt jüdischen Glaubens, von denen wir wissen, dass sie in der Zeit zwischen 1933 bis 1945 unter uns gelebt haben, dass sie in dieser Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Wir wollen die Opfer sichtbar werden lassen, um sie in den Mittelpunkt unseres heutigen Gedenkens rücken
Denn Gedenken heißt, die Vergangenheit nicht verstummen zu lassen. Erinnerung ist per se ein nicht enden wollender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Aber Gedenken heißt ebenso, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen.
Und so erinnern wir uns heute am Totensonntag wie am Volkstrauertag an eine ganz zentrale Zäsur unserer eigenen Geschichte: das Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945.
Damals wurde Deutschland von einer menschenverachtenden Ideologie befreit, die nicht nur Europa in Schutt und Asche legte, sondern auch systematisch versuchte, das jüdische Leben auszulöschen. Mit der Kapitulation Deutschlands endete ein Kapitel der Barbarei, aber zugleich begann der lange Weg der Verantwortung, der Aufarbeitung, der Versöhnung.
Für jüdisches Leben in Deutschland war 1945 kein Neuanfang, sondern ein vorsichtiges Wiederaufstehen inmitten unvorstellbarer Leere. Die meisten jüdischen Gemeinden waren ausgelöscht, viele Rückkehrer fanden keine Angehörigen mehr vor. Dass heute wieder jüdisches Leben in Deutschland, auch hier in Alzenau, möglich ist, ist ein Geschenk und ein Auftrag.
Das Ende des Krieges mahnt uns: Frieden kommt nicht von selbst. Er muss erarbeitet werden, verteidigt werden und immer wieder erneuert werden. Und er bleibt zerbrechlich, wenn Hass nicht entschieden widersprochen wird. Oder wie Primo Levi, einer der bekanntesten Häftlinge von Auschwitz sage: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“
Daher fällt es uns schwer, heute nur in die Vergangenheit zu blicken, wenn auf der Welt heute jüdisches Leben in Gefahr ist.
Die Entwicklungen im Nahen Osten, der anhaltende Konflikt zwischen Israel und der Hamas, die erneute Gewalt – all das berührt uns. Es berührt uns deshalb, weil jüdisches Leben, jüdische Geschichte und die Frage nach Sicherheit für jüdische Menschen in der Welt eng miteinander verbunden sind.
Vor zwei Jahren erschütterte der Angriff der Hamas auf Israel die Welt. Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas Israel in einer bis dahin ungekannten Brutalität: Zivilisten wurden ermordet, Familien auseinandergerissen, Menschen entführt und als Geiseln verschleppt. Dieser Angriff war Terror in seiner reinsten Form. Er zielte darauf, Angst zu verbreiten, Leben zu zerstören und die Existenz jüdischer Gemeinschaften zu bedrohen.
Israel reagierte, beschützte seine Bürger. Doch bis heute, trotz eines Waffenstillstandes, ist der Konflikt und das Leid nicht beendet. Die Situation bleibt fragil. Es gibt immer wieder neue Gewalt, neue Opfer, neue Spannungen – und das auf beiden Seiten des Konflikts. Menschen in Israel leben weiterhin mit Angst, und Menschen im Gazastreifen leben weiterhin im Schatten von Krieg, Zerstörung und größter Entbehrung.
Wir dürfen diese Realität nicht ausblenden. Denn sie zeigt uns, wie verletzlich Frieden ist. Sie zeigt uns, wie schnell Hass, Feindbilder und Gewalt das Zusammenleben zerstören können. Sie zeigt uns aber auch, wie wichtig es ist, das jüdische Leben hier vor Ort sichtbar zu machen, zu stärken und generell zuzuhören, wenn Menschen von Sorge oder Angst berichten.
Denn der Blick in die Geschichte lehrt uns: Gewalt beginnt niemals plötzlich. Sie beginnt mit Worten, mit Ausgrenzung, mit Gleichgültigkeit. Und sie wächst dort, wo Menschen wegschauen. Die Schoa mahnt uns, dass wir niemals wieder zulassen dürfen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion oder Identität bedroht werden.
Unrecht nicht zu dulden, nie mehr wegzuschauen, Nein zu sagen, das muss auch uns heute Richtschnur sein, 80 Jahre nach Kriegsende. Gerade heute, wo Antisemitismus, Rechtsextremismus, völkisches Gedankengut, wo teils unverhohlene Menschenfeindlichkeit vielerorts eine erschreckende und alarmierende Normalisierung erfährt. Vor allem das Internet und soziale Netzwerke werden oft zu Durchlauferhitzern für extremistische Positionen, für Hass und Hetze – Hass, der nicht im Netz bleibt, sondern Bürgerinnen und Bürger, Amtsträger, die Polizei und Bundeswehr, besonders oft jedoch Jüdinnen und Juden, real gefährdet.
Die Lehre aus der Geschichte lautet nicht, Gräben zu vertiefen. Sie lautet, wachsam zu sein – und solidarisch.
Sie lautet, Terror klar zu benennen – aber Zivilisten auf allen Seiten zu schützen.
Sie lautet, für Sicherheit einzustehen – aber Menschlichkeit niemals zu verlieren.
Und sie lautet vor allem: Gedenken verpflichtet.
Es verpflichtet uns, eine Gesellschaft zu bauen, in der Hass keinen Platz hat.
Es verpflichtet uns, jüdisches Leben nicht nur zu erinnern, sondern zu leben – im Miteinander, im Respekt, im interreligiösen Dialog, in der gemeinsamen Verantwortung für unsere Zukunft.
Es verpflichtet uns, einander zuzuhören, gerade dann, wenn die Welt lauter und unübersichtlicher wird.
Und es verpflichtet uns die Erinnerung an den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch der Schoah wachhalten und jeder Generation in unserem Land immer wieder neu vermitteln: Unsere Verantwortung hört nicht auf. Dabei geht es gerade heute – gegen jede Relativierung – um die Vermittlung der historischen Wahrheit, der unzweifelhaften Fakten, denen sich jede und jeder in unserem Land stellen muss, unabhängig von Herkunft, Familiengeschichte oder Religion.
Sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden ‑ getötet in Vernichtungslagern wie Auschwitz, Sobibor und Treblinka, ausgehungert in Ghettos und Arbeitslagern, umgekommen auf Todesmärschen, erschossen und erschlagen bei Massakern in mehr als 1.500 Städten, Kleinstädten und Dörfern in Osteuropa.
Damit auch die nächsten Generationen, Kinder und Jugendliche von heute, die richtigen Schlüsse ziehen, gehört zur Vermittlung der historischen Fakten auch die Vermittlung von Empathie mit den Opfern. Die Schoah, das sind Millionen einzelne Geschichten, Schicksale voller Leid, Trauer und Verlust. Das waren Menschen wie du und ich – auch um diese Einsicht muss es bei unserer Erinnerungsarbeit gehen.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Mögen die Ereignisse der Gegenwart uns nicht entmutigen, treten wir dem „Lange her“ entgegen, lassen Sie uns Vorbilder einer verstandenen Erinnerungskultur sein:
Vorbild sein, uns jeden Tag für Frieden einzusetzen, für das Gespräch miteinander, für menschliche Würde überall auf der Welt – aber ganz besonders hier bei uns, in Alzenau.
Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind.
Dass Sie erinnern.
Und dass Sie mit Ihrem Dasein zeigen: Nie wieder ist keine Erinnerung – es ist ein Auftrag.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
mit dem Kranz in den Farben unserer Stadt, den ich stellvertretend für die gesamte Bürgerschaft nun an dieser Stelle niederlegen werde, setzen wir gemeinsam ein Zeichen der Erinnerung an die Opfer des Holocaust und der Opfer der jüngsten Zeit und verneigen uns vor ihnen im ehrenden Gedenken.
Ich rufe uns zugleich sichtbar auf, dass wir uns zum Frieden, zur Achtung der Menschenwürde, zur Toleranz sowie zu Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit bekennen und stets den Opfern hier in Alzenau und auf der ganzen Welt erinnern.
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir aus der Geschichte gelernt haben, dass wir uns für unsere Mitmenschen einsetzen und zusammen einstehen, wenn wir gemeinsam Angriffe auf unsere Demokratie, unseren Frieden und unsere Freiheit abwehren müssen.
Lasst uns nicht schauen auf das, was uns trennt. Schauen wir auf das, was uns verbindet.
Ich danke Ihnen von Herzen, dass sie heute bei der Gendenkveranstaltung dabei waren und damit ein Zeichen der Versöhnung nach außen tragen.
