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Rede zur Gedenkfeier für ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen der Stadt Alzenau begrüße ich Sie alle sehr herzlich zu unserer Gedenkstunde, mit der wir auch in diesem Jahr der über sechs Millionen Opfer des Holocaust gedenken wollen. im Besonderen unserer ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die auch bei uns unter dem Nazi-Terror gelitten haben, verfolgt, deportiert und ermordet wurden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mein besonderer Gruß gilt unseren Ehrenbürgern sowie dem Präsidenten des Lions Clubs Aschaffenburg-Alzenau Gerhard Jennemann und allen Lions-Freunden. Mit großer Freude begrüße ich Rabbiner Andrew Steiman, der Sie, verehrter Rabbi, mit uns unser heutiges Gedenken gestalten, wofür ich mich herzlich bedanke. Als wir uns 2014 an Chanukka in der B´nai B´rith Schönstädt Loge in Frankfurt kennengelernt haben, gaben Sie mir ohne zu Zögern Ihre Zusage für heute, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Ihre spontane Reaktion bedeutete mir eine große Wertschätzung und Anerkennung für unser Gedenken, mit dem wir immer wieder an jedes einzelne Opfer des Holocaust und damit zugleich an jede einzelne Persönlichkeit unserer ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnern wollen, deren Würde beginnend mit dem Jahr 1933 auf das Schäbigste auch bei uns mit Füßen getreten worden ist.

Ihnen ihre Würde und Persönlichkeit zurückzugeben, die ihnen durch die Barbarei der Nazis auf das Menschenverachtendste genommen wurde, das ist uns eine dauerhafte Verpflichtung, der wir uns mit unserem jährlichen Gedenken stellen.

Schändliche Übergriffe auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger und deren Eigentum gab es auch in unserer Stadt, und das nicht nur in der Nacht vom 9. auf den 10. November. Bereits vor 1938 kam es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen, so nachzulesen u. a. in dem Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 mit dem Titel „Mehr als Stein“, was umso unverständlicher erscheint angesichts der Tatsache, dass bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ein in unserer Stadt „von allen Seiten gelobtes Miteinander von Christen und Juden“ sowie eine „Eintracht der Konfessionen und Integration des jüdischen Bevölkerungsteils“ vorherrschte.

Doch als die Nazis begannen, unser Land und ganz Europa mit Terror, Krieg und Barbarei zu überziehen, wurde jüdisches Leben mit ihren einst so regen Kultusgemeinden in Alzenau und Hörstein nach und nach ausgelöscht, das in unserer Stadt nachweislich bis mindestens ins späte 17. Jahrhundert zurückreicht und seitdem das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben vor Ort maßgeblich mitgestaltet, geprägt und bereichert hat.

An jüdisches Leben bei uns, das eine Quelle sogar datiert auf das Jahr 1337, erinnern bis heute der jüdische Friedhof in Hörstein sowie die 1988 errichtete Gedenktafel in der Alfred-Delp Straße gegenüber dem früheren Standort der Alzenauer Synagoge nicht unweit von hier und die 1994 in Hörstein aufgestellte Gedenkstele am Platz des ehemaligen kommunalen Schulhauses gegenüber der Pfarrkirche.

Und eben diese Gedenkstele vor dem Rathaus als die seit 2012 zentrale Gedenkstätte unserer Stadt, bei deren Errichtung wir uns zum regelmäßigen Gedenken verpflichtet haben - und damit an diesem zentralen Ort des Gebets und der Stille, des Erinnerns und der Mahnung inmitten unserer Stadt, dort, wo einst jüdisches Leben als aktiver Teil unserer örtlichen Gemeinschaft stattfand. Die Stele in Form einer Schale mit den uns bekannten Namen unserer ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wurde daher bewusst vor dem Rathaus– und damit symbolisch in der Mitte unserer Stadt – platziert.

Unsere Gedenkstätte ist ein Ort des allgemeinen wie individuellen Gedenkens. Sie gibt v. a. unseren ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens über ihren Tod hinaus ein Gesicht und lässt sie aus der unfassbaren Zahl der über sechs Millionen Opfer des Holocaustheraustreten.

Die Gedenkstätte steht zudem als Aufforderung an uns und alle nachfolgenden Generationen, nicht nachzulassen, in unserem Eintreten gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, gegen jegliche Form von Hass, Terror und Gewalt wie wir sie - auch heute noch - immer wieder gegenüber jüdischem Leben an vielen Orten auf der Welt erleben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit dem Kranz in den Farben unserer Stadt, den wir stellvertretend für die gesamte Bürgerschaft an dieser Stelle niederlegen, setzen wir ein gemeinsames Zeichen der Erinnerung und verneigen uns in ehrendem Gedenken vor allen Opfern des Holocaust, auch vor denen aus unserer Stadt, dabei erinnere ich namentlich:

an das Ehepaar Sophie und Benzion Wechsler, denen 1939 zwar noch die Emigration in die Niederlande gelungen war, sie aber von dort aus am 10. Märt 1943 in das Vernichtungslager Sobibór deportiert wurden, wo sie mit ihrer Ankunft am 13. März 1943 für tot erklärt wurden.

Ich erinnere an die Eheleute Else und Adolf Hamburger, Else und Julius Hamburger sowie an Daniel Rothschild, die ebenfalls im Vernichtungslager Sobibór ermordet wurden.

Und ich erinnere an Karolina Freudenthal, an Ferdinand Hamburger, an Binchen und Josef Hamburger, an Karolina Hamburger sowie an Amalie und Josef Oestrich. Sie alle waren am 10. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo die meisten von ihnen ermordet wurden, Ferdinand Hamburger starb in der Hölle von Auschwitz.

Damit es hierzu nie wieder kommt, ist unser heutiges und das dauerhafte Gedenken und Erinnern an die Opfer des Holocaust so unerlässlich.

Der Künstlerin Eva Warmuth, die uns mit ihrem Werk diese besondere Form des Gedenkens ermöglicht hat, sage ich herzlichen Dank und freue mich, Sie auch in diesem Jahr wieder bei uns begrüßen zu dürfen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit unserem heutigen Gedenken wollen wir den Opfern aus unserer Stadt auch ihre Heimat zurückgeben, die ihnen einst auf grausamste Weise geraubt worden ist. Und wir wollen an das ihnen und ihren Familien widerfahrene, niemals in Worte fassbare Leid erinnern.

Wir wollen uns zu unserer Vergangenheit bekennen und uns der daraus resultierenden unumstößlichen und auf Dauer währenden Verantwortung stellen, dass sich der Holocaust niemals mehr wiederholen kann und auf diese Weise einen Beitrag zum Frieden und zur Aussöhnung leisten. Wir wollen damit zugleich ein Zeichen setzten der Solidarität mit allen, die in unserer Zeit verfolgt und aus ihrer Heimat vertrieben werden, und mit allen, die immer wieder Hass, Gewalt und Terror ausgesetzt sind und deswegen auch bei uns Hilfe und Schutz suchen. Und wir wollen auch ein Zeichen setzen für Toleranz und Weltoffenheit, für Mitmenschlichkeit und Achtung der Menschenwürde, so wie es für uns in Alzenau selbstverständlich ist.

Meine geschätzten Damen und Herren, ich lade Sie nun ein, einen Moment in Stille zu verweilen und der Opfer des Wahnsinns der damaligen Zeit zu gedenken.

Unser Gedenken an dieser Stelle wollen wir traditionell beenden - und ich begrüße hierzu sehr herzlich Benjamin Marokko - mit dem „Ani Maamin“, mit dem Gebet im Gedenken an die Opfer des Holocaust „El Male Rachamim“ und dem Gebet für den Staat Israel „Avinu Schebeschamyim“.

Anschließend lade ich Sie ein ins Rathausfoyer, wo wir unser Gedenken fortsetzen wollen, das die Musikakademie Jerusalem bereits eindrucksvoll eröffnet hat. Sie wird es auch beschließen, so dass schon deswegen mein ganz besonderer Willkommensgruß an diesem Abend den Mitgliedern der Musikakademie Jerusalem gilt. Damit verbinde ich meinen ausdrücklichen Dank für die Mitgestaltung unseres Gedenkens. Das ist uns Ehre und Auszeichnung gleichermaßen.

Ihre Anwesenheit heute und in den kommende Tagen werte ich als ein starkes und zukunftsweisendes Signal der Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern sowie als sichtbares und v. a. auch stimmgewaltiges Zeichen dafür, dass Aussöhnung und Versöhnung möglich sind - auch und gerade in Anbetracht der unfassbaren Geschehnisse der damaligen Zeit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Das mit der Anwesenheit der Musikakademie Jerusalem sowie all unserer Freunde jüdischen Glaubens heute Abend für uns alle erlebbare Beispiel der Aussöhnung und Versöhnung, das sich zugleich in einem für unser Land in diesem Jahr so wichtigen Jubiläum widerspiegelt - der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland vor 50 Jahren - zeigt und möge beispielgebend sein dafür, dass es stets eine Möglichkeit gibt zur Aussöhnung und Versöhnung sowie zur Begründung einer Freundschaft - jedenfalls dann, wenn alle Beteiligten es wirklich wollen, so wie es einst die beiden Staatsmänner David Ben - Gurion und Konrad Adenauer vorgelebt haben.

Dass es nur zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges möglich sein sollte, das bis dahin angesichts des Holocaust unmöglich Erscheinende auf den Weg zu bringen, sollte auch all denen ein Zeichen zur Besinnung, Vernunft und Umkehr sein, die sich bis heute fortlaufend bekriegen, Tag für Tag, v. a. auch aus religiösen Motiven heraus Hass säen, Gewalt üben sowie Angst, Schrecken und Terror verbreiten, dem regelmäßig Unschuldige zum Opfer fallen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den 50. Jahrestag u. a. in einem auf der Internetseite der Bundesregierung veröffentlichten Grußwort gewürdigt. Darin führte sie in Anlehnung an die Worte des früheren israelischen Staatspräsidenten Chaim Herzog aus „die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nehme sich vor dem Hintergrund der Schoah wie ein Wunder aus.“ Dem ist angesichts des dunkelsten Kapitels unserer Vergangenheit nichts hinzuzufügen.

Sie erinnerte zugleich an die historische Leistung der beiden bereits erwähnten Staatsmänner David Ben-Gurion und Konrad Adenauer, die dafür gemeinsam den Grundstein gelegt hatten. Die Kanzlerin nahm Bezug auf die gemeinsamen Regierungskonsultationen sowie die Begegnungen junger Menschen, die die deutsch-israelische Freundschaft mit Leben füllten. Es sei nun daran, „unsere Zukunft zu beiderseitigem Wohl zu gestalten.“

Dazu sind auch wir aufgerufen, und auch hierzu trägt unser alljährliches Gedenken bei, im Besonderen der heutige Abend mit der Anwesenheit unserer Gäste aus Jerusalem. Dabei werden sie uns im Rahmen der derzeit stattfindenden Fränkischen Musiktage noch mit weiteren Auftritten erfreuen, z. B. am Sonntag beim Konzert in der Wallfahrtskirche Kälberau, bei dem uns - und das ist mir ebenfalls eine ganz besondere Freude - der israelische Generalkonsul in Süddeutschland Dr. Dan Shaham die Ehre seines Besuches erweisen wird.

Diese ehrenvolle Geste, meine sehr geehrten Damen und Herren, ist für mich Ausdruck höchster Wertschätzung gegenüber den Fränkischen Musiktagen, die sich u. a. mit dem israelisch-deutschen Jubiläum auseinandersetzen, wie auch gegenüber unserem Gedenken und dem damit verbundenen Zeichen der Verbundenheit zu Israel und jüdischem Leben überall auf der Welt. Eine Verbundenheit, die das heutige Aufziehen der Flagge des Staates Israel auf dem Wahrzeichen unserer Stadt, der Burg, auch sichtbar unterstreichen soll.

Mein erstes Zusammentreffen mit dem Generalkonsul beim Logendinner der B´nai B´rith Schönstädt Loge in Frankfurt zu Ehren des Frankfurter Stadtkämmerers Uwe Becker hat mich auf eine sehr aufgeschlossene, sympathischen Persönlichkeit treffen lassen, auf deren Empfang in unserer Stadt ich mich sehr freue, wie ich mich bereits heute Abend sehr über die erneute Anwesenheit freue unserer lieben Freunde Simone und Ralph Hofmann, Präsident der B´nai B´rith Frankfurt Schönstädt Loge, wo ich schon sehr oft wunderbare Stunden in einer lebendigen jüdischen Gemeinschaft erleben durfte, und in der ich von Beginn an mit besonderer Herzlichkeit und Wärme aufgenommen wurde, wie auch meine Frau und mein lieber Stellvertreter Helmut Schuhmacher, der wir beide letztes Jahr bei der Chanukka-Feier dabei sein durften.

Liebe Simone, lieber Ralph, ich begrüße Euch beide herzlich und bedanke mich für das mit Eurem Besuch verbundene Zeichen der persönlichen Verbundenheit und Freundschaft zu unserer Stadt. Noch immer in bester Erinnerung ist mir unser letztjähriges Gedenken, das ganz maßgeblich auch von Dir, liebe Simone mitgestaltet worden ist wie auch von Benjamin Marokko, der uns erneut auf sehr bewegende Weise in unserem Gedenken begleitet hat.

Meine sehr geehrten Dame und Herren, Uwe Becker wurde vor zwei Wochen für seine besonderen Verdienste um die Beziehungen zu Israel mit der höchsten Auszeichnung der B´nai B´rith Loge bedacht. Im Rahmen der Feier hat er eine glänzende und sehr tiefgründige Rede gehalten mit vielen Aspekten, die ich persönlich im Detail so bislang nicht bedacht hatte.

U. a. verwies er darauf, dass Israel auch aufgrund der ständigen Anfeindungen aus seinem unmittelbaren Umfeld unserer ganzen Solidarität bedürfe, wobei dies - und auch darauf hat er sehr nachdrücklich hingewiesen - nicht gleichzusetzen sei mit der uneingeschränkten Zustimmung zur israelischen Politik. Zugleich hat er deutlich gemacht, dass Israel der einzige Staat im Nahen Osten sei, der mit Deutschland und der Europäischen Union gemeinsame Werte teile.

In diesem Zusammenhang möchte ich aus einer Rede des Bundespräsidenten zitieren, die er im Rahmen des Besuches des israelischen Staatspräsidenten, Reuven Rivlin anlässlich seines Staatsbesuchs zum 50. Jahrestag gehalten hatte, in der auch er die gemeinsamen Werte betont. Zunächst stellte er fest: „Vor fünfzig Jahren, am 12. Mai 1965, nahmen Israel und die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen auf. Ich freue mich, diesen Jahrestag gemeinsam mit Ihnen zu feiern. Und ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie zu uns nach Berlin gekommen sind. Das ist mehr als eine Geste des Vertrauens und der Verbundenheit. Es ist Ausdruck der engen Partnerschaft und Freundschaft, die zwischen unseren beiden Ländern wachsen konnte.“

Das gilt in meinen Augen gleichermaßen für die heutige Anwesenheit der Musikakademie Jerusalem und ihrer Mitgestaltung unserer renommierten Fränkischen Musiktage, die in diesem Jahr ihr vierzigjähriges Bestehen feiern können.

Bundespräsident Gauck führte in seiner Rede weiter aus, „dass 1965 kaum jemand für möglich gehalten hätte, was sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten zwischen Israelis und Deutschen ereignet habe. Chaim Herzog, der als erstes israelisches Staatsoberhaupt die Bundesrepublik besuchte, habe dafür das richtige Wort gefunden: Es sei ein Wunder, dass sich nach der Schoah Versöhnung und Verständigung entwickeln konnten. Möglich sei dieses Wunder geworden durch das Vertrauen, das die Israelis uns Deutschen geschenkt hätten. (…) Wir haben dieses Geschenk voller Dankbarkeit und Demut angenommen, zunächst im Westen, später dann, nach der friedlichen Revolution, auch im Osten."

Und auch wir vor Ort nehmen dieses Geschenk an wie ich es regelmäßig als ein Geschenk und eine wunderbare Geste der Freundschaft und Versöhnung empfinde, wenn wir alljährlich Besuch bekommen aus Israel von Nachfahren ehemaliger jüdischer Mitbürger.

So pflegt die Familie Weinberg mit ihren Wurzeln in Hörstein eine Tradition, wonach alle Kinder und Enkel zu einer Reise nach Deutschland eingeladen werden mit einem Besuch unserer Stadt, um ihnen die Heimat ihrer Vorfahren zu zeigen sowie ein Deutschland als ein weltoffenes und tolerantes Land, das sich damit ausdrücklich von dem Deutschland ihrer Vorfahren unterscheidet. An diesem Bild können und werden auch die antisemitisch und fremdenfeindlich motivierten Gewalttaten unserer Zeit sowie die zahlreichen Aufmärsche rechter Schreihälse nichts ändern.

Der Bundespräsident machte in seiner Rede schließlich deutlich, dass „unsere normalen Beziehungen auf immer besondere Beziehungen bleiben“ sollen. Denn: „Israel und Deutschland sind durch die Erinnerung an die Schoah miteinander verbunden. Wir Deutschen sind uns unserer moralischen Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel bewusst, und wir werden nicht zulassen, dass dieses Bewusstsein verblasst.“

„Was unsere beiden Länder darüber hinaus verbindet, sind die Werte, für die wir stehen." Und in der Tat: Israel lebt als einziger Staat im Nahen Osten die Werte, denen auch wir uns verpflichtet fühlen, z. B. der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, der Gleichheit von Mann und Frau, der Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit sowie der Achtung der Menschenwürde.

Dieser Tatsache und der moralischen Verpflichtung unseres Landes sind auch wir uns bewusst und deswegen, meine geschätzten Damen und Herren, wollen wir die Erinnerung an das Unfassbare als Mahnung und Warnung auch gegenüber künftigen Generationen wachhalten. Das sind wir den Opfern und ihren Familien schuldig sowie allen uns nachfolgenden Generationen, denen wir gegenüber Verantwortung tragen dafür, dass sich Vergangenes niemals mehr wiederholt, dass der Nährboden für rechten Terror überhaupt erst nicht entstehen kann und wir uns auf Dauer Frieden und Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit bewahren.

Das heißt aber auch, dass wir gehalten sind, gegen jegliche Form von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus aufzustehen. Aufstehen heißt zugleich - und hier pflichte ich den eindringlichen Worten von Uwe Becker ebenfalls bei - uns mit jüdischem Leben in unserem Land, überall auf der Welt und dem Staat Israel solidarisch zu zeigen.

Solidarität heißt dabei in der Tat nicht, die Politik Israels in all ihren Facetten und ohne jegliche Kritik zu teilen. Solidarität heißt aber, sich bewusst zu sein, welche Ängste in der dortigen Bevölkerung vorherrschen, welcher Druck von außen auf diesem Land lastet, und wie groß angesichts der völlig inakzeptablen Haltung zahlreicher Länder und Terrorgruppen gegenüber Israel und jüdischem Leben weltweit das Bedürfnis nach Sicherheit in diesem Land ist, das u.a. zum Bau einer Mauer geführt hat, wenngleich dieser Umstand angesichts der Teilung unseres Landes sowie deren Überwindung mit der deutschen Einheit vor 25 Jahren für wohl viele von uns auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar erscheint.

Um bestimmte Verhaltensweisen Israels zu verstehen, zumindest nachvollziehen zu können, ist es hilfreich und notwendig - und auch darauf hat mich die Rede Uwe Beckers gestoßen - sich damit zu befassen, welche unfassbaren Ziele - nachzulesen z. B. auf Wikipedia - einige Staaten, z. B. der Iran sowie Terrororganisationen wie die Hisbollah, die Fatah oder die Hamas mit Blick auf Israel und jüdisches Leben verfolgen: die Vernichtung Israels und die Auslöschung jüdischen Lebens überall auf der Welt.

Seit der iranischen Revolution erkennt der Iran Israel als legitimen Staat nicht mehr an, sondern bezeichnet die israelische Regierung als „zionistisches Regime“ der so genannten „besetzten Gebiete“ und unterstützt radikalislamische Terrorgruppen im bewaffneten Kampf gegen Israel. Der Kampf gegen Israel wurde iranische Staatsdoktrin. Teil der staatlichen Propaganda ist der von Chomeini ausgerufene, alljährliche „Al-Quds-Tag“. Der al-Quds-Tag ist in der Islamischen Republik Iran ein gesetzlicher Feiertag. Er wird alljährlich zu staatlich organisierten Massendemonstrationen gegen Israel genutzt, bei denen die „Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern“ gefordert wird. Auch weitergehende Vernichtungsdrohungen gegen Israel werden regelmäßig ausgesprochen. Nach Auffassung des obersten iranischen Führers ist Israel „ein Krebsgeschwür“ im Nahen Osten, „das entfernt werden muss und entfernt werden wird“. Insbesondere der ehemalige Präsident des Iran, Mahmud Ahmadinedschad, vertrat die diesbezügliche iranische Staatsdoktrin sehr offensiv. U. a. leugnete er mehrfach öffentlich den Holocaust.

Die Milizen der Hisbollah sehen sich selbst in der Rolle des Beschützers vor Israel.Hisbollah-Führer Nasrallah hat klargemacht, dass seine Organisation die Existenz eines jüdischen Staates generell nicht akzeptieren wird und bis zur angestrebten Vernichtung Israels weiterkämpfen will. Von ihm stammt die Aussage, Israel sei eine „verdorbene Bakterie und die Mutter der List“ und habe „keine andere Wahl als den Tod“.

Die Fatah verfolgt u. a. die Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“. In der gleichen Verfassung betrachtet sie die „israelische Existenz in Palästina“ als „zionistische Invasion mit kolonialer Expansionsbasis“. Und auch die Fatah bediente sich in der Vergangenheit terroristischer Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Die erst jüngst erfolgte Aufstachelung zur Messer-Intifada ist hierfür nur ein schändliches Beispiel.

Die Hamas bezeichnet Israel als „zionistisches Gebilde“, dessen „islamisches Heimatland“ niemals Nicht-Muslimen überlassen werden dürfe, weil es bis zum Tag des Jüngsten Gerichts den Muslimen anvertraut worden sei Deshalb sei es die religiöse Pflicht eines jeden Muslims, für die Eroberung Israels zu kämpfen. Sie verneint das Existenzrecht Israels und erklärt in ihrer Gründungscharte das Töten von Juden – nicht nur von jüdischen Bürgern Israels oder Zionisten – zur unbedingten Pflicht jedes Muslims, indem sie sie zur Voraussetzung für das Kommen des Jüngsten Gerichts erklärt.

Gegen derart menschenverachtendes Gedankengut gilt es ebenfalls, sich dauerhaft und mit Nachdruck zu positionieren wie auch gegen jegliche Form und Äußerung brauner Gesinnung, die unter dem Deckmantel der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit derzeit wieder verstärkt offen zu Tage tritt. Mit unserem alljährlichen Gedenken beziehen wir auch hiergegen eine klare Position und zeigen, dass für derartiges Gedankengut in unserer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft kein Platz ist.

Dabei geht es nicht darum, denen Gehör zu verschaffen, denen die aktuellen Herausforderungen im Hinblick auf die vielen Flüchtlinge, die auch bei uns Hilfe und Schutz suchen, ggf. Sorge und Angst bereiten oder verunsichert sind. Keinen Platz hingegen gibt es für diejenigen, die allein auf Stimmungsmache, auf Hass und Gewalt aus sind.

Umso wichtiger ist es, dass alle demokratischen Parteien in unserem Land, insbesondere all diejenigen in Regierungsverantwortung, zusammenstehen und sich auf ein Konzept zur erfolgreichen Bewältigung der anstehenden Aufgaben nicht nur verständigen, sondern dies nun auch gemeinsam tragen und umsetzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, in diesem Jahr blicken wir auf zwei weitere bedeutsame Jahrestage, mit denen ich schließen möchte: das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich zum 70. Mal, und am 27. Januar ebenfalls vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Aus diesem Anlass hat der ständige Vertreter Israels bei den Vereinten Nationen, Botschafter Ron Prosor, bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung eine sehr bemerkenswerte wie nachdenklich stimmende Rede gehalten, aus der ich nur einige Passagen zitieren möchte, die auch ein sehr genaues Bild zeichnen bezüglich Terror, Extremismus unserer Zeit und den Umgang mit Israel:

„Heute begehen wir 70 Jahre seit der Befreiung von Auschwitz. Primo Levi, ein italienischer Jude, der Auschwitz überlebt hat, schrieb: ‚Ich bin immer wieder überwältigt von der Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber dem Menschen. Der Holocaust war ein Zeitalter der Gräuel und der Straflosigkeit. In den Jahren darauf glaubten die Menschen, dass wir zivilisierter und sensibilisierter geworden sind - dass all diese Gräuel uns nie wieder heimsuchen würden. Und dann kamen Kambodscha, Ruanda, Darfur und Bosnien. (…)

Der Holocaust hat nicht bei den Ghettos und Konzentrationslagern angefangen; er hat damit angefangen, dass Juden herabgewürdigt und entmenschlicht wurden. Die Nazis haben die Juden enteignet, sie haben ihnen erst ihre Würde und dann ihr Leben genommen. Die gleiche Gleichgültigkeit gegenüber jüdischem Leben sehen wir heute. (…)

Siebzig Jahre nach dem Holocaust leben europäische Juden wieder in Angst. Sie werden auf den Straßen angegriffen, weil sie eine Kippa tragen, ihre Geschäfte werden beschädigt, Bomben werden auf Synagogen geworfen. Europa befindet sich in einer wahren Epidemie des Antisemitismus. (…)

Für einige Menschen und einige Nationen ist ein jüdischer Staat schon einer zu viel. Ihnen wäre es lieber, wenn die Juden wieder zerstreut, heimatlos, verfolgt und schutzlos wären. Die Leute sprechen über das israelische Recht auf Selbstverteidigung, aber wenn jüdisches Leben in Gefahr ist und Israel handelt, um es zu verteidigen, werden wir von allen Seiten angegriffen. Zu lange waren wir der Kanarienvogel der Menschheit in der Kohlemine. Nicht mehr! (…)

Israel ist die einzige echte Demokratie im Nahen Osten. Es ist das einzige Land in der Region mit einer freien Presse, freien Wahlen und Redefreiheit. Und es ist die einzige Nation, die die Rechte von Frauen und Minderheiten verteidigt. Wir werden diese Werte immer verteidigen. Immer. Und wenn wir in diesem Prozess nicht gemocht werden, dann ist es halt so. (…)

Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass wir eine Verantwortung haben. Wir haben die Verantwortung, für die Werte zu kämpfen, an die wir alle glauben. Extremisten greifen Menschenrechte und die menschliche Würde an, und wir tun nicht genug, um sie aufzuhalten. Die Gefahr der Gleichgültigkeit und die Konsequenzen des Nicht-Handelns sind einfach zu hoch. Wir müssen zusammenstehen und erklären, dass es null Toleranz gegenüber Vorurteilen geben kann. Es darf null Toleranz dafür geben, Kinder zum Hass zu erziehen. Und es darf null Toleranz für Extremismus geben. (…)

Wir müssen mutig und entschlossen zusammenstehen, um unsere Freiheit zu verteidigen, unsere Werte zu schützen und die Mächte zu konfrontieren, die uns diese nehmen wollen. Nur dann können wir die Worte ‚nie wieder‘ sprechen und wissen, dass diese Worte eine Bedeutung haben. (…)“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das Vergangene können wir nicht Ungeschehen machen, aber - so auch mit dem heutigen Anlass - in jedem Fall nicht Unvergessen! Und wir können dafür sorgen, dass das Unfassbare auf immer der Vergangenheit angehört und damit dem vorzitierten „nie wieder“ Ausdruck verleihen!

Auch mit der Kerze, die ich sogleich als Zeichen der Trauer, der Bitte um Vergebung und der Hoffnung auf eine friedliche Welt gemeinsam mit Rabbi Steiman, entzünden möchte, setzten wir gemeinsam ein Zeichen für das „nie wieder“ und verneigen uns heute noch einmal in ehrendem Gedenken vor allen Opfern des Holocaust und damit auch vor den namentlich aus unserer Stadt genannten Opfern, für die jeweils eine weiße Rose um die Kerze gelegt worden ist.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte Sie nun alle bitten, sich hierzu von Ihren Plätzen zu erheben und einen Moment in Stille zu verweilen. Vielen Dank.