Direkt zu:
Stadtplan Notdienste 📰Formulare PParkplätze 🌄Webcam

Gedenkfeier für unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger am 24. November 2024

Rede des Ersten Bürgermeisters Stephan Noll

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wehrte Ehrenbürger,
liebe Mitglieder des Alzenauer Stadtrates,
sehr geehrter Herr Landrat,
wehrte Abgeordnete und ehemalige Abgeordnete des bayerischen Landtags und des Deutschen Bundestags,
sehr geehrter Herr Amtsgerichtspräsident,
sehr geehrte Geistlichkeit,
wehrte Ehrgengäste und Gäste aus Nah und Fern,
zusammenfassend, liebe Besucherinnen und Besucher der heutigen Gedenkfeier,

„Sie raubten uns den Ort, der unser sicherster sein sollte. Die, die überlebt haben, sind seelisch verletzt. Ich glaube, manches wird niemals heilen.“

Diesen Satz, so könnte man meinen, habe ich dem zweiten Band des Heimat- und Geschichtsvereins Alzenau mit dem Titel „Es blieb ihnen nur ein Koffer“ entnommen, welches letztes Jahr nach intensiver Recherchearbeit erschienen ist. Ein Zitat, dass ich zu Beginn der heutigen Gedenkfeier für unsere ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Alzenau gesetzt habe, zu der ich Sie und Euch alle ganz herzlich willkommen heißen will.

Aber nein, dieser Satz ist nicht 80 Jahre alt und wurde nicht kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gesprochen, am Ende des Holocausts, der Shoah, nach diesem unbegreifbaren und schrecklichen Menschenverbrechen und Genozids dem 6 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa zum Opfer fielen, da sie deportiert, erschossen, vergast oder ermordet wurden.

„Sie raubten uns den Ort, der unser sicherster sein sollte. Die, die überlebt haben, sind seelisch verletzt. Ich glaube, manches wird niemals heilen“, sagte Racheli Nachmias, eine junge Israelin, die vor einem Jahr das Supernova-Musikfestival im Süden Israels besucht hatte. Sie hat den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 überlebt.

Der 7. Oktober 2023, der Tag, an dem der Traum Israels, der Traum von einer sicheren Heimstatt für alle Jüdinnen und Juden weltweit, so brutal erschüttert wurde.

Ein Tag, an dem mit unvorstellbarer Grausamkeit und auf bestialische Art und Weise Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden. Ein Tag, an dem die getöteten Körper noch geschändet wurden. Ein Tag, an dem Überlebende mit der Ungewissheit und der Angst zurückgelassen wurden, ob ihre Angehörigen noch leben, was ihnen in der Geiselhaft wohl angetan wird. Ein Tag, an dem am Ende fast 1.200 Menschen grausam umgebracht wurden, 250 als Geiseln gefangen genommen wurden.

Noch nie seit der Shoah sind an einem einzigen Tag so viele Jüdinnen und Juden ermordet worden.

Heute, gut ein Jahr später, gedenken wir am heutigen Totensonntag in dieser Gedenkfeier für ehemaliges jüdisches Leben in Alzenau auch der Opfer des Hamas-Überfalls. Wir trauern mit denen, die ihre Liebsten verloren haben. Wir leiden mit denen, die noch immer bangen um ihre Angehörigen. Wir stehen an ihrer Seite.

Ja, wir kommen zusammen, um zu gedenken und zu trauern.

Dieser 7. Oktober war eine Zäsur, ein tiefes Trauma für Jüdinnen und Juden nicht nur in Israel, sondern auf der ganzen Welt. Israel, das war ihr sicherer Hafen. Sie wussten, sie fühlten: Egal, was passiert, wir können immer nach Israel. Und jetzt?

Nele Pollatschek hat diese Verunsicherung in Worte gefasst: „Wir sitzen zwar immer noch auf gepackten Koffern“, schreibt sie, „aber zum ersten Mal wissen wir nicht, wo die Reise hingehen würde.“

Gepackte Koffer, das ist es, was die Gegenwart mit der Vergangenheit und wohl leider auch mit der Zukunft verbindet.

„Es blieb ihnen nur ein Koffer“, das Buch von Ute Sehring, Christ Stromberg und Hans Ritter, die federführend für den Heimat- und Geschichtsverein verschiedene Alzenauer Biographien zusammengestellt haben, ist ein aktives Zeichen des Erinnerns und lässt uns Eintauchen in die schmerzvollen Lebensspuren unserer ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, was sie ausgemacht haben, was sie erreicht haben, wie sie sich eingebracht haben und was aus ihnen wurde.

„Wir wollen uns erinnern,
wir wollen nicht die Augen verschließen,
wir wollen, dass nichts in Vergessenheit gerät,
wir wollen unseren ehemaligen jüdischen Mitbürgern bei ihrem Namen nennen“, so die treffenden Vorworte von Ute Sehring in dem Buch.

Auch heute wollen wir uns erinnern an die Familien Feldmann, Goldschmidt, Hamburger, Lindheimer, Löwenthal, Manko, Neuburger, Nußbaum, Oppenheimer, Prager, Rothschild, Stern, Strauss, Wahler, Wechsler, Weinberg – um nur einige der Namen zu verlesen, die hier auf der Himmelsscheibe auf der Gedenkstele vor dem Alzenauer Rathaus eingraviert sind und auf den Bannern an der Rathauswand zu lesen sind.

Kein Ergebnis gefunden.

Wir erinnern uns heute der 215 ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt jüdischen Glaubens, von denen wir wissen, dass sie in der Zeit zwischen 1933 bis 1945 unter uns gelebt haben, dass sie in dieser Zeit verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Wir wollen die Opfer sichtbar werden lassen, um sie in den Mittelpunkt unseres heutigen Gedenkens zu rücken.

Wir machen uns heute bewusst, welche Zäsuren der Holocaust nach Alzenau brachte und welche Überschriften über Alzenauer Familien geschrieben wurden:

Das Leben wurde zu gefährlich.
Das Grauen von Theresienstadt.
Zuerst ging der Vater.
Es blieben nur die Cousinen.
Ihr Leben endete in Ausschwitz.

Wir gedenken heute zusammen all dieser Alzenauer Mitbürgerinnen und Mitbürger, da wir wissen, wohin deutscher Rassenhass und entfesselter Nationalismus geführt haben, welches Leid und welche Zerstörung wir Deutsche im vergangenen Jahrhundert über Europa gebracht haben. Die mehr als 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges und das Menschheitsverbrechen der Shoah verpflichten uns bis heute.

Kein Ergebnis gefunden.

Wir stehen zusammen hier für ein „Nie wieder“.

Nie wieder, das heißt: Nie wieder zuzulassen, dass sich menschenverachtender Rassenhass, Antisemitismus und übersteigerter Nationalismus in Deutschland breit machen.

Nie wieder, das heißt: Für Menschenrechte und für die Würde jedes einzelnen Menscheneinzutreten.

Das „Nie wieder“ ist tief eingeschrieben in das Selbstverständnis unseres Landes und Zeichen unseres Erinnerns in der Stadt Alzenau.

Diese Verpflichtung an das „Nie wieder“ gehört zum Fundament unserer Demokratie.

Das ist unsere immerwährende Verantwortung. Das ist die Verantwortung, die bleibt! Nur, wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland sicher und in Freiheit leben können, nur dann ist dieses Land ganz bei sich. Freiheit und Sicherheit für die Menschen – dahin muss auch der Weg im Nahen Osten führen. Das muss die Perspektive sein. Eine Perspektive, für die wir arbeiten und auf die wir hoffen.

Ich habe die Hoffnung, dass Israel das Trauma des 7. Oktober eines Tages hinter sich lassen wird. Ich habe die Hoffnung, dass Israel stark und wehrhaft sein wird, damit so etwas wie der 7. Oktober nie wieder geschehen kann. Ich habe die Hoffnung, dass Israel in Frieden mit seinen Nachbarn leben kann und leben wird.

Und ich habe die Hoffnung, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben und das „Nie wieder“ nie wieder geschehen lassen.

Kein Ergebnis gefunden.

Wir alle in unserem Land sind gefordert.

Antisemitismus ist die rote Linie: Wir dürfen keinen Antisemitismus dulden – keinen rechten, keinen linken, keinen alten und keinen neuen. Und wir dürfen keinen Israel-Hass, der sich auf unseren Straßen entlädt, dulden. Von niemandem!

Wir sind eine vielfältige und weltoffene Stadt und Land – und wir wollen es bleiben. Verurteilen wir gemeinsam jede Form von Antisemitismus, Extremismus und Rassismus! Zeigen wir, dass in Deutschland Menschen mit jüdischen, christlichen, muslimischen, arabischen Wurzeln friedlich zusammenleben können und das auch wollen, wie wir das in Alzenau mit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus 100 Nationen tun.

"Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet", schrieb Margot Friedländer in ihrem Plädoyer für mehr Miteinander, als sie dieses Jahr im Sommer das Cover des europäischen Vogue-Magazins schmückte.

Mehr Miteinander, hinschauen was uns und Alzenau ausmacht, was alles Alzenau ist, für was es stehen soll – das und nicht weniger soll die Botschaft des heutigen Tages sein: Wir gedenken unseren ehemaligen jüdischen Mitbürgern, wir sind uns bewusst, was wir von ihnen lernen und schauen nicht auf das, was uns trennt. Sondern wir schauen auf das, was uns verbindet.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit dem Kranz in den Farben unserer Stadt, den ich stellvertretend für die gesamte Bürgerschaft nun an dieser Stelle niederlegen werde, setzen wir gemeinsam ein Zeichen der Erinnerung an die Opfer des Holocaust und der Opfer der jüngsten Zeit und verneigen uns vor ihnen im ehrenden Gedenken.

Ich rufe uns zugleich sichtbar auf, dass wir uns zum Frieden, zur Achtung der Menschenwürde, zur Toleranz sowie zu Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit bekennen und stets den Opfern hier in Alzenau und auf der ganzen Welt erinnern.

Kein Ergebnis gefunden.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir aus der Geschichte gelernt haben, dass wir uns für unsere Mitmenschen einsetzen und zusammen einstehen, wenn wir gemeinsam Angriffe auf unsere Demokratie, unseren Frieden und unsere Freiheit abwehren müssen.

Lasst uns nicht schauen auf das, was uns trennt. Schauen wir auf das, was uns verbindet.

Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie heute bei der Gedenkveranstaltung dabei waren und damit ein Zeichen der Versöhnung nach außen tragen.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Zurück zu den aktuellen Stadtnachrichten

Ins Nachrichten-Archiv

02.12.2024